Sepp Gmasz

Bürgermusik zu Haydns Zeit: Die Turnerfamilie Höld

Immer wieder wird in Zusammenhang mit Haydns musikalischer Imagination die Frage diskutiert, welche Bedeutung das traditionell-musikalische Milieu für das Schaffen des Komponisten besessen hat. Zumeist wird dieser Einfluss überschätzt, auch wenn der greise Meister selbst mit dem Hinweis auf die „simplen Lieder“ seiner Kindheit den Anlass für vielerlei Mutmaßungen gegeben hat. Wirklich eindeutige Zitate von volksmusikalischen Themen lassen sich – mit Ausnahme des Sauschneider Capriccios – schon deshalb nicht nachweisen, weil die Aufzeichnung usueller Musik erst mit der Sammelbewegung des frühen 19. Jahrhunderts begann. Etwa mit der so genannten „Sonnleithner-Sammlung 1819“ der Gesellschaft der Musikfreunde oder mit Ziska-Schottkys „Oesterreichische Volkslieder mit ihren Singeweisen“[1]. Und doch scheint die musikalische Sprache Haydns von einer (volks-) liedhaften Melodik geprägt, wie man sie bei seinen Vorgängern und Zeitgenossen nicht findet.

Die Frage ist daher berechtigt, was hat Haydn neben dem Musikbetrieb am Fürstenhof an Musik im bürgerlichen Umfeld der Stadt gehört. Dabei verdienen auch seine Kontakte zu den Eisenstädtern Thurnern, den Rats- und Kirchenmusikanten der Stadtpfarrkirche zum hl. Martin, unsere Aufmerksamkeit. Immerhin war der Thurnermeister Anton Höld als Violonist 15 Jahre lang (1775-1790) Mitglied der „Schloss Chor Music“,[2] stand also zum fürstlichen Kapellmeister in einem besonderen Naheverhältnis.

Die Familie Höld scheint im bürgerlichen Musikleben Eisenstadts schon seit Generationen von Bedeutung gewesen zu sein. Anton Hölds gleichnamiger Vater wurde am 14.1.1712 als Sohn von Stephan und Maria Höld geboren.[3] Sein Taufpate war der Hoftrompeter Valentin Florian, was als Hinweis auf eine freundschaftliche Beziehung unter Musikern gedeutet werden kann. Im April 1753 wurde der bis dato als Mautner tätige Anton Höld d.Ä. vom Eisenstädter Stadtrat mit der neu geschaffenen Stelle des Thurnermeisters betraut. Die finanziellen Grundlagen dafür hatte eine Stiftung der vermögenden Gastwirtin Barbara Kroiherin geschaffen, die nach derem Tod in Kraft trat. Aus der 5 % Verzinsung des Stiftungskapitals von 6.000 fl (Gulden) ergab sich ein Jahresgehalt von 300 fl für den Thurnermeister, als welchen sie ausdrücklich Anton Höld empfohlen hatte.[4] Das Gehalt wurde durch diverse Deputate, liturgische Sonderdienste, Saitengeld etc. noch um etwa 40 fl jährlich erhöht. Von seinem Gehalt musste der Thurnermeister allerdings seine Gesellen bezahlen, in der Regel waren das vier bis fünf. Die Ausbildung zum Gesellen dauerte fünf Jahre. Die Thurnerei galt als gewerbliche Zunft und war als solche mit bestimmten Privilegien ausgestattet. Im Stadtterritorium besaßen die Thurner einen Gebietsschutz. Niemand durfte ohne ihre Genehmigung Tanzmusik machen, und wenn  - dann gegen eine bestimmte Abgabe.

Für das Instrumentarium der Thurnerei konnten aus der Stiftung noch Instrumente angekauft werden: 2 D-Hörner, 2 neue und eine alte Posaune, 5 Violinen und ein Bassettl. Bereits vorhanden waren 4 Trompeten und 2 Paukenpaare. Aus diesem Instrumentenfundus kann man auf die Aufgaben der Thurner schließen, über die wir leider aus den archivalischen Quellen keine direkten Hinweise besitzen. Demnach dürften die Thurner vorwiegend in Bläserbesetzung repräsentative Dienste wie öffentliche Huldigungsfeiern oder Prozessionen versehen haben, dafür standen auch vier mit silbernen Halb-Borten gebrämte Gewänder zur Verfügung. Eine gemischte Besetzung verlangte die Kirchenmusik; und schließlich war ein Privileg der Thurner die private Tanzmusik etwa bei bürgerlichen Hochzeiten, Preisschießen oder Bällen im Fasching. Hierbei kamen den Thurnern immer wieder andere Musikgruppen ins Gehege, die z.T. aus der Fremde kamen oder sich aus Einheimischen rekrutierten. So finden wir wiederholt Klagen des Thurnermeisters gegen den Schneidermeister Pius oder den Schuster Josef Prinke, dass ihnen deren Musikgruppen „starken Eintrag“ machten. Der Stadtrat wies die „Störer“ an, die vorgeschriebenen Abgaben an den Thurnermeister zu leisten und ließ sie einmal gar wegen ungebührlicher Aufsässigkeit für einen Tag in den Arrest sperren.

Anton Höld d.Ä. starb am 22.10.1774. In seiner Hinterlassenschaft finden sich 4 brauchbare und 4 unbrauchbare Geigen, 1 Paar unbrauchbare Waldhörner und ein ebenso unbrauchbares Bassettl. Der gesamte Barbesitz wird auf nicht mehr als 62 fl und 43 Kreuzer geschätzt. Das Vermögen teilten sich die vier Kinder. Der älteste Sohn, Anton (geb. 11.12.1750), übernahm die Stelle des Thurnermeisters. Drei Jahre nach seinem Amtsantritt heiratete er die Catharina Schmidin, mit der er zehn Kinder hatte. Die Wohnung des Thurnermeisters lag im Spitalhaus (heute Bäckerei Wagner am Pfarrplatz), die Gesellen waren im Vicedom (das andere Eckgebäude am Pfarrplatz) untergebracht.

Am 15. März 1775 übernahm Anton Höld in der Nachfolge von Joseph Dietzl d.Ä. die Stelle eines Violinisten in der Eisenstädter „Schloss Chor Music“. Das Jahressalär für diese Tätigkeit betrug 30 fl. Im April 1781 kam ein Deputat von 10 Metzen Korn und 3 Eimern Wein dazu. Die Chor-Musik der Schlosskapelle wies nur eine kleine Besetzung von vier Sängern und vier Instrumentalisten auf.

Die Verbindung von fürstlicher und städtischer Musikpraxis drückt sich auch in der Tatsache aus, dass die Thurner regelmäßig bei „Festins“ oder wie es hieß „Tafel und Ball“ in Esterház oder Eisenstadt aufspielen durften.[5] Dabei genossen die offenbar hochwertigeren Ödenburger Thurner unter Ludwig Plankh und Ludwig Gassner den Vorzug, die Höldschen Musikanten wurden nachweislich nur dreimal, nämlich 1763, 1776 und 1791 eingeladen. Leider besitzen wir von der Thurnerei kein einziges Notenblatt und damit keine Hinweise, welche Musik dabei gespielt wurde; gewiss gehörten Aufzüge, Märsche und die zeitgenössische Tanzmusik zu ihrem Repertoire. Dass Joseph Haydn bei manchen thurnerischen Spielanlässen zu Gast war, ist anzunehmen, ebenso dass er hier Anregungen etwa für seine Deutschen Tänze gefunden haben könnte.

Unter der Regierungszeit Joseph II. kam es zu Einschränkungen der thurnerischen Tätigkeiten. Höld glich den Verdienstentgang durch die Übernahme der Mesnerstelle in der Stadtpfarrkirche aus. Am 14.4.1799 starb Anton Höld an Hydropsie.

De facto übernahm sein Sohn Leopold die Tätigkeit des Thurnermeisters, de iure blieb die Witwe Catharina bis zu ihrem Tod (1833) die Inhaberin des Gewerbes. Sie scheint den Betrieb gut gemanagt zu haben, denn sie konnte für einen ihrer Söhne, den Thurnergesellen Martin Höld, ein Haus auf der Brandstatt um 1.027 fl kaufen und hinterließ ein Vermögen von 3.200 fl. Mit dem Niedergang der Zünfte in der Zeit des Vormärz schwand auch die Bedeutung und der Einfluss der Thurnerei. Die privaten Musikgruppen der Bürger Veit Wagner, Johann Frühauf oder Jacob Gretschner unterstanden nicht mehr der Abgabepflicht an den Thurnermeister, zusätzlich wurde 1831 das Haus der Thurnergesellen bei einem Brand schwer beschädigt. Leopold Höld wurde nach dem Tod der Mutter mit der Stelle eines Thurnermeisters und Mesners belehnt, die Reputation der Stadtmusikanten aber war längst geschwunden. Am 10.9.1849 starb der letzte Thurnermeister der Familie Höld. Sein Nachfolger wurde der Bratschist des Kirchenorchesters Lorenz Kugler. Als der fürstliche Flötist Georg Steffek 1862 die Leitung der Kirchenmusik (bis 1887) übernahm, trug er als letzter den Titel eines Thurnermeisters. Wenngleich die Thurner in der öffentlichen Wertschätzung immer im Schatten der fürstlichen Musik gestanden sind, so sollte ihr Einfluss auf die Musikkultur Eisenstadts besonders im Zeitalters Haydns nicht unterschätzt werden.



[1] Franz Ziska-Julius Max Schottky: Oesterreichische Volkslieder mit ihren Singeweisen. Pest 1819.

[2] Vgl. Ulrich Tank: Studien zur Esterházyschen Hofmusik von etwa 1620 bis 1790. Regensburg 1981.

[3] Diverse Lebensdaten aus den Matriken der Stadtpfarrkirche.

[4] Angaben aus den Eisenstädter Ratsprotokollen im Bgld. Landesarchiv.

[5]Esterházy Archiv Forchtenstein, Haus Hofmeisters Amts Rechnungen.

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